Ich habe eben meine “WP-Drafts” (zu Deutsch: meine Beitrags-Entwürfe) durchstöbert und bin doch tatsächlich auf ein Book-Reviev gestoßen, dass ich bereits vor einigen Monaten geschrieben habe und dann aus was für Gründen auch immer “vergaß”. Aber da Bücher bekanntlich zeitlos sind, fände ich es schade, diesen Beitrag nicht zu bringen…
Es ist schon einige Jahre her, dass ich “Fight Club” von Chuck Palahniuk gelesen habe, daher freute ich mich, vor einiger Zeit eines seiner Werke wieder in die Finger bekommen zu haben. Und wieder einmal möchte ich jene Passagen hervorheben, die mir besonders gefallen haben - ob aus sprachlichen Gründen oder der Interpretation wegen.
Meiner Meinung nach weist Lullaby nicht dieselbe Aggressivität und Geschwindigkeit wie Fight Club auf, punktet jedoch mit ganz anderen Elementen. Abgründe und Abstrusitäten werden sprachlich verknappt und lassen trotz einer kleinen Story genügend Raum für Anspielungen zwischen den Zeilen. Vor allem aber spart Palahniuk nicht mit gesellschaftskritischen Aussagen. Wahrscheinlich funktionieren einige der Aussagen besser im englischen Original als in der deutschen Version, denn auch die beste Übersetzung kann nie so gut sein wie wie die Vorlage - ich weiß das nur zu gut aus eigener Erfahrung.
Es geht um Lärm. Um Information.. Um das Leben, wie es tagtäglich auf uns einhämmert.
Und es geht um ein Wiegenlied, dass es vermag, andere Menschen ins Jenseits zu befördern.
Das Erschreckende nachdem man dieses Buch fertig gelesen hat ist die Erkenntnis, dass vermutlich kein anderes Buch existiert in dem derart viele Leute sterben, ohne dass man dies ernsthaft zur Kenntnis nimmt.

(15)
Das Dumme an jeder Geschichte ist, dass man sie erst hinterher erzählt. Selbst ein ausführlicher Bericht im Radio, in dem die Homeruns und Strikeouts alle geschildert werden, selbst das kommt mit einigen Minuten Verzögerung. Selbst eine Live-Reportage im Fernsehen kommt mit ein paar Sekunden Verspätung.
Selbst Schall und Licht sind nicht schneller, als sie sind.
Ein weiteres Problem ist der Erzähler. Das Wer, Was, Wo, Wann und Warum des Berichterstattens. Die Verzerrung durch das Medium. Wie der Bote die Fakten formt. Was Journalisten den „Gatekeeper“ nennen. Darstellung ist alles.
Die Geschichte hinter der Geschichte.
(47)
Journalist sein, heißt Dinge weitererzählen. Schlechte Nachrichten verbreiten. Das Gift verbreiten. Die größte Story aller Zeiten. Dies hier könnte das Ende der Massenmedien bedeuten. Das Merzlied könnte sich als eine allein dem Informationsalter angemessene Seuche erweisen. Man stelle sich eine Welt vor, in der die Menschen alles meiden würden: Fernsehen, Radio, Kino, Internet, Zeitschriften und Zeitungen. Die Leute müssten Ohrstöpsel tragen, so wie sie jetzt Kondome und Latexhandschuhe tragen. In der Vergangenheit hat sich beim Sex mit Fremden niemand sonderlich Sorgen gemacht. Oder noch früher bei Mückenstichen. Oder bei unbehandeltem Trinkwasser. Moskitos. Asbest. Man stelle sich eine Seuche vor, die man sich durch die Ohren holen kann.
Knüppel und Steine brechen dir die Beine, aber jetzt können auch Worte töten.
(80)
“Ich weiß, was das ist”, sagt sie und streckt die Hand danach aus. Bevor sie es mir wegnehmen kann, habe ich den Zettel gefaltet und wieder in die Hosentasche gesteckt.
Ihre Hand schwebt noch in der Lust; sie zeigt mit dem Zeigefinger auf mich und sagt: “Ich habe davon gehört. Das ist ein Merzlied. Stimmt’s?”
Ich frage sie, ob sie mir etwas über Merzlieder erzählen kann.
“In der Literatur werden sie überall erwähnt”, sagt sie achelzuckend, “aber angeblich sind sie in Vergessenheit geraten.” Sie dreht die Handfläche nach oben und sagt:” Zeigen Sie mir das noch mal.”
Und ich sage: Wie funktionieren die?
Und sie wedelt mit den Fingern.
Und ich schüttle den Kopf. Nein. Ich frage, wie es kommt, dass es andere Menschen tötet, aber nicht den, der es aufsagt.
Und Mona legt den Kopf leicht schräg und sagt: “Warum tötet ein Gewehr nicht den, der den Abzug drückt? Es ist im Prinzip das Gleiche.” Sie hebt beide Arme über den Kopf und streckt sich, reckt die Hände zur Zimmerdecke [...]
Also, sage ich, wie kann es bei jemanden funktionieren, der es gar nicht hört? Ich sehe das Radio an. Wie kann ein Zauberspruch funktionieren, wenn man ihn nicht mal laut ausspricht?
(104f)
Oyster ist der Sohn, den sie hätte, wenn sie einen Sohn hätte.
Das könnte mein Leben sein, wenn ich ein Leben hätte. Meine Frau weit weg und betrunken. Meine Tochter in einer durchgeknallten Sekte. Peinlich berührt von uns, ihren Eltern. Ihr Freund wäre dieses Hippiearschloch, der Typ, der mit mir, ihrem Dad, eine Schlägerei anfangen will.
Und vielleicht könnten sie Zeitreisen unternehmen.
Vielleicht könnten sie die Toten wieder lebendig machen. Alle Toten, vergangene und gegenwärtige. Vielleicht ist das meine zweite Chance. Genau so etwas wie hier hätte nämlich aus meinem Leben werden können.
Helen in ihrem Chinchilla-Mantel sieht zu, wie der Papagei sich selbst auffrisst. Und sie beobachtet Oyster.
(158f)
Amerika.
Ein Sturm von Ideen. Der mächtige Griff des Lebens.
Wenn man Oyster zugehört hat, empfindet man ein Glas Milch nicht mehr als nette Beigabe zu Schokoplätzchen. Sondern man denkt an Kühe, die mit Hormonen voll gepumpt und gezwungen werden, ständig schwanger zu sein. Man denkt an die unvermeidlichen Kälber, die, in enge Ställe gepfercht, ein paar elende Monate zu leben haben. Ein Schweineschnitzel, das ist ein abgestochenes, blutendes Schwein, das mit der Schlinge am Fuß hochgezogen wird um kreischend zu sterben, während es zu Schnitzeln, Braten und Schmalz verarbeitet wird. Sogar ein hart gekochtes Ei, auch dabei denkt man nur noch an eine Henne, deren Füße vom Leben in einem zehn Zentimeter breiten Drahtkäfig verkrüppelt sind, so beengt, dass sie nicht einmal die Flügel heben kann, so peinigend, dass man ihr den Schnabel abschneidet, damit sie nicht in Raserei die Hennen in den Nachbarzellen attackiert. Und so legt sie, das Gefieder vom Käfiggestänge abgewetzt und mit abgeschnittenem Schnabel, ein Ei ums andere, bis ihre Knochen so kalziumarm geworden sind, dass sie im Schlachthaus einfach zersplittern.
Das ist dann das Hühnerfleisch in der Nudelsuppe, diese Legehennen, die so zerfetzt und zerschunden sind, dass sie in Streifen geschnitten und gekocht werden müssen, weil niemand mehr sie beim Metzger kaufen würde. Das ist Hühnerfleisch in der Wurst. In Chicken-Nuggets.
(212)
Der Artikel ist noch nicht fertig.
Die beste Methode, sein Leben zu vergeuden, ist ständiges Notizenmachen. Die einfachste Methode, dem Leben aus dem Weg zu gehen, ist einfach nur zuzusehen. Auf die Details achten. Berichten. Nicht teilhaben. Soll Big Brother sich mit seinem Getue für einen abstrampeln. Reporter sein. Ein glaubwürdiger Augenzeuge sein. Ein dankbarer Teil des Publikums.
(224f)
„Sieh, wie einfach das ist“, sagt Helen. „Wir können alles machen“
Nein, sage ich sie kann alles machen.
Helen sagt: „Liebst du mich noch?“
Wenn sie es will. Keine Ahnung. Wenn sie es sagt.
Helen blickt zu den Kronleuchtern auf, diesen hängenden Käfigen aus Gold und Kristall, und sagt: „Zeit für eine schnelle Nummer?“
Und ich sage, mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig.
Ich kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem, was ich will, und dem, was ich wollen soll.
Oder zwischen dem, was ich wirklich will, und dem, was man mich wollen macht.
Ich rede hier vom freien Willen. Haben wir den, oder diktiert und verordnet Gott uns tatsächlich alles, was wir tun, sagen und wollen? Haben wir einen freien Willen, oder werden wir, unsere Wünsche und Handlungen, von Geburt an von den Massenmedien und unserer Kultur gesteuert? Habe ich ihn, oder werde ich von Helens Zauberspruch gelenkt?
Helen steht vor einem Regency-Schrank aus knotigem Walnussholz mit einem großen Spiegel aus facettiertem Glas in der Tür. Sie streicht über die geschnitzten Schnörkel und Girlanden und sagt: „Du kannst mit mir unsterblich werden. [...] Helen und ich, die Kakerlaken unserer Kultur. [...]
Man stelle sich Unsterblichkeit vor, ein Leben, in dem selbst eine Ehe von fünfzig Jahren einem bloß wie ein Schläferstündchen vorkommen würde. Man stelle sich vor, Trends und Moden an einem vorbeirauschen zu sehen. Man stelle sich die Welt vor, wie sie mit jedem Jahrhundert beengter und hoffnungsloser wird. Man stelle sich vor, wie Religionen, Heimaten, Ernährungsgewohnheiten und Karrieren einander abwechseln, bis nichts davon mehr irgendeinen Wert hat. Man stelle sich vor durch die Welt zu reisen, bis jeder Quadratzentimeter einen nur noch langweilt. Man stelle sich seine Gefühle vor, Liebe, Hass, Rivalität, Triumph, und alles im Plural und immer wieder durchgespielt, bis das Leben nur noch eine melodramatische Seifenoper ist. Bis Geburt und Tod anderer Menschen einen so kalt lassen wie die welken Schnittblumen, die man fortwirft.
(253)
Und jetzt sind wir wieder unterwegs.
Manchmal beunruhigt mich der Gedanke, dass Sarge in Wirklichkeit Oyster ist, der so tut, als wäre er Helen, die Sarge okkupiert. Wenn ich mit diesem Wesen schlafe, wer auch immer er oder sie sein mag, stelle ich mir vor es ist Mona. Oder Gina. Auf die Weise gleicht sich alles wieder aus.
Mona Sabbat zufolge werden Leute, die zu viel essen oder trinken, Leute, die süchtig nach Drogen, Sex oder Diebstahl sind, in Wirklichkeit von Geistern beherrscht, die diese Dinge so sehr gemocht haben, dass sie auch nach dem Tod nicht davon lassen können. Säufer und Kleptomanen, die sind von bösen Geistern besessen.
Du bist der Nährboden. Der Wirt.
Manche Leute denken immer noch, sie hätten ihr Leben selbst in der Hand.
Wir sind Jäger und Gejagte.
In dir lebt sich immer etwas Fremdes aus. Dein ganzes Leben ist das Vehikel, in dem etwas anderes auf die Welt kommt.
Ein böser Geist. Eine Theorie. Eine Werbekampagne. Eine politische Strategie. Eine religiöse Lehre.
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Beginnen wir gleich mal am legendären Tag der Abreise, dem 29. Juni 2008, anderen vielleicht noch bekannt unter dem “Finaltag” schlechthin. Was haben sich die Medien in Spekulationen zerrissen darüber, wer es wohl werden wird: Fußball-Europameister.
Wunderschön ist sie, freakig ist sie, laut kann sie sein, eingehüllt in eine Rauchglocke ist sie (ich mache diese Rauchglocke dafür verantwortlich, dass ich schon am ersten Tag ohne fremdem Zutun schwebend und dauer- grinsend mit halbem Tempo durch die Gegend lief) und semi-liberal ist sie.
Da die liebe Brikko und ich aber keine Nachtschatten- gewächse (z.B. Kartoffeln) sind, zogen wir es vor, am heißesten Tag der Woche bei strahlendem Sonnen- schein (30 Grad!!) die Stadt zu Fuß in Flip-Flops zu erkunden. Von 11 Uhr bis 19 Uhr. Alles. Wirklich alles. Kleiner Tipp am Rande: Eine Woche Am- sterdam ist fast zu viel. So groß ist sie nun auch nicht, und nach einer Weile sieht alles irgendwie gleich aus. Ich habe mal die Frage am Rande gestellt, ob es nicht möglich wäre, das Wasser der Haupt-Grachten verschieden einzufärben. Als Orientierungshilfe quasi. Denn: Leute, diese Straßennamen haben mich in den Wahnsinn getrieben. Von merken der Namen war gar nicht die Rede. Aber - und ich liebe dieses Aber: Ich war ja diesmal nicht alleine unterwegs. Fast hatte ich Angst davor, es verlernt zu haben, das “gemeinsame Reisen”. Und bereits am zweiten Tag genoss ich es, das Ruder zu übergeben, keinen Plan haben zu müssen, mich orientierungslos auf das Navigationssystem “BrikkoBrikko” verlassen zu können. Wissend, dass ich egal wo (wobei das “wo” sowieso egal war), heil ankommen werde. Also ist sie doch nicht zur verbissenen Alleinkämpferin mutiert, das Fräulein Speikobra. Schön, das erfahren zu haben. Süße, ich danke dir dafür!! 
Aber zu unserer Verteidigung: Wenn frau dem Gerstensaft, guter Musik und selbst gebauten Zigaretten frönt, dabei vergisst jemals einen Auftrag gehabt zu haben, Schiffchen am Crashkurs in den Grachten zusieht und sich jedesmal freut wenn es kracht, dann ohne es beabsichtigt zu haben auf eine nächtliche Kreuzfahrt mitgenommen wird und danach genauso wenig Plan davon hat wo sie sich befindet wie davor, dann sei ihr dieser Fauxpas verziehen.
Ja, wir waren das perfekte Team. Brikko war für die Gesamtkoordination zuständig, ich für den Fein- schliff. Auf Detailfragen im Amsterdam-Orientierungs- lauf fand ich doch noch die richtigen Antworten. Und das Zitat der Woche lautete: “Unsere Probleme möcht’ I mal haben.” Kann auch was, oder?


Ach ja. Unvergesslich wird uns “Pacino” bleiben, dem “Al” zwar davongelaufen ist, der aber trotzdem die Stellung im “Hotel Belga” hält und auch in Zukunft den Gästen beim Früh- stück auf den Schoss springen wird, ihnen die Klamotten mit seinen orangefarbenen Haaren versaut um schnurrend eine Scheibe Käse zu ergattern. 

Richtig schwierig wird es bei jenen Singlefrauen, die pedantisch darauf achten, alle interessanten und interessierten Kandi- daten in gekonnter Manier von sich fernzuhalten um konse- quent jenen Männern nachzulaufen, die nur so viel Interesse zeigen, dass die Damen bei Laune gehalten werden und die Jagd nicht aufgeben. Denn Trophäen gibt man(n) auch nicht gerne her. Das alte Spielchen der Begierde dessen, das einfach nicht zu haben ist.
So. Jetzt aber zurück zum wirklich Erzählenswerten der letzten Tage. Nova Rock 2008, Pannonia Fields, Nickelsdorf. 160.000 Verkaufte Tickets. Are you ready to Rock? Und wie ich das war!
Wind war auf alle Fälle besser als Regen, vor allem, weil ich kein Zelt aufbauen musste! Ich wollte wissen, wie festivaltauglich mein lieber, kleiner Peugeot - auch Babe genannt – ist, und muss sagen: ja, Babe ist durchaus festivaltauglich. Das einzige Manko das Babe hat ist, dass er schwarz ist. Da kanns einem ab 9 in der Früh, eingewickelt in Schlafsack und Kapuzenpulli recht warm werden, aber gut, diesen Kompromiss konnte frau eingehen. Die Sitze habe ich zum ersten Mal in 9 Jahren abmontiert und den Kofferraum nach hinten geklappt: voilà – das Wohn- und Schlafzimmer für die nächsten 3 Tage war aufgebaut! Mein Schwesterherz und ihre bessere Hälfte bekamen beim Aufstellen ihres Zeltes tatkräftige Unterstützung vom Herrn Landeshauptmann se GerdA, ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle…

Ich war also am Shaken, mein wertes Schwesterlein am Personenidentifizieren anhand der Tattoos, die aus ihrer Nadel stammen. Was für ein Spaß, ich war beeindruckt. Kann sich wohl auch sehen lassen, was meine Kleine so fabriziert…





