Da war ich nichts Böses ahnend auf der Suche nach Informationen zum Wandel der deutschen Sprache in der heutigen „Cybersociety“ und wollte schon ziemlich bald meinen Augen nicht mehr trauen:
Von A wie „abflacken“ bis Z wie „zweinullig“: Mehr als 1.200 Ausdrücke dieser Art wurden in den vergangenen Wochen auf einem „Szenesprachenwiki“ eingetragen. „Btw“ (by the way): Die Duden-Redaktion und das Hamburger Trendbüro haben vor kurzem aus diesem Wiki die Begriffe für ihr „Neues Wörterbuch der Szenesprachen“ ausgesucht. (Wieder ein Paradebeispiel von ziemlich kapitalistisch angehauchtem „Crowdsourcing„). Voraussichtlich ab September dieses Jahres können Leser damit ihren „Denkmuskel“ „beschlauen“. Aber auch online ist die Lektüre anscheinend ziemlich „pornös“, wie die rege Teilnahme an dem Wiki zeigt. Anscheinend ist eine Neuauflage des Szenesprachen-Duden aus dem Jahr 2000 längst überfällig, hat sich doch seit der Jahrtausendwende viel getan im deutschen Sprachgebrauch – vor allem unter den heranwachsenden „Digital Natives“. Unter den Vorschlägen für die 2009er-Ausgabe finden sich Wörter, die vor neun Jahren noch gar nicht möglich gewesen wären. Gelungene und auch lustige Beispiele hierfür sind meiner Meinung nach „Bloggerrhö“ und neuerdings auch „Twitterrhö“. Diese Art von Zynismus über die textbasierte Inkontinenz heutiger Internetnutzer lässt mich dann schon schmunzeln.
Weiters scheinen Kofferwörter voll im Trend zu liegen, wie etwa „smirting“ (das Flirten unter „Smokern“), „smexy“ („gemorphed“ aus „smart“ und „sexy“), „Crackberry“ (Crack und Blackberry verschmelzen zu der Sucht, ständig erreichbar zu sein) oder aber „Bankster“ (Mischung aus Banker und Gangster – im Zuge der Finanzkrise ein Wort für Banker, die moralisch schlecht handeln).
„Augenkrebs“ bekommt man, wenn man hässliche Sachen und Kleider sieht. Die „Biobreak“ ist ein neues Wort für die Pinkelpause, „random“ ist hingegen alles, was beliebig ist. Neuere Umschreibungen fürs Tanzen sind „bouncen“ und „abspacken“. Essen, das am Schreibtisch nebenbei zu sich genommen wird, heißt „Deskfood“. Und wenn man „schmacko“ zu Mittag essen war und dann müde im Büro sitzt, würde so manch einer gerne „powernappen“, während aber am Bildschirm ein Bild darauf wartet, „ge(photo-)shopt“ zu werden. Als Alternative zur Arbeit kann man sich dann unter die YouTube-„User“ mischen und andere Beiträge „runter- oder raufvoten“. Und seit dem Myspace-Boom im Jahr 2005 ist es völlig normal, wenn man einzelne Personen zu seinem Freundeskreis „addet“ und die besten unter ihnen zu seinen Lieblingen „favet“.
Als eine dem Schreiben und den Sprachen Verfallene sträuben sich bei mir in letzter Zeit immer häufiger die Nackenhaare, wenn ich Online-Texte lese bzw. die Kommunikation anderer im Web mitverfolge. Aber noch abscheulicher wird es, wenn solche sprachlichen Auswüchse in einer nächsten Instanz den verbalen Sprachgebrauch vereinnahmen. Es ist schon klar, dass sich jede Sprache im Laufe der Zeit verändert und mit der Gesellschaft und ihren Strukturen modifiziert. Aber mir sind es dann im Allgemeinen doch zu viele Anglizismen, die in diesen neuen „Szenebegriffen“ stecken, könnten die meisten der oben angeführten Begriffe durchaus durch deutsche Pendants ersetzt werden. Begriffe jedoch wie „youtuben“, „twittern“, „(ego-)googeln“ oder aber „Cyberstalking“ mögen ihre Berechtigung haben, da Alternativen wie „in YouTube suchen“, „auf Twitter schreiben“, „in Google suchen“ oder die „digitale Verfolgung“ erstens lang sind und zweitens holprig klingen. Aber dieses krampfhafte Verenglischen des Deutschen, samt seiner Grammatik und Syntax, geht mir bisweilen einfach ein Stückchen zu weit. Quasi ein absolutes „NoGo“. Zusammengefasst fällt auf, dass man all diesen Wörtern anmerkt, wie schnelllebig die Zeit und wie alt man selbst ist. Kommt man mit? Versteht man die Gedanken hinter den Begriffen? Oder ist man sprachlich ein „Vollhorst“ bzw. „-pfosten“?
Ein Blick auf das Szenesprachenwiki lohnt sich auf alle Fälle, der eine oder andere Lacher ist einem gewiss. Und vielleicht kommt der eine oder andere „Nutzer“ (!!) danach auf den Geschmack, dass gewisse Ausdrücke mit anderen, deutschen Begriffen auch ganz nett klingen können.
Zu guter Letzt bleibt noch zu sagen, dass ich mich für die fallweise ausbleibende Bloggerrhö hier auf xhoch3 entschuldigen muss. Aber der Sommer da draußen ist einfach viel zu spannend!





„Word!“
Wobei ich „twittern“, „googeln“ etc. eher auf den jeweiligen Dienstnamen bezogen sehe als als quasi zwanghafte Anglizismen – die Dienste haben halt englische Namen. Höchstens dass man hier praktisch die im Englischen weiter verbreitete Verb-Neubildung aus Namen/Substantiven doch wieder als Anglizismus übernimmt… auf die Idee, das Nachschlagen im Duden „dudenen“ zu nennen, scheint mir jedenfalls noch niemand gekommen zu sein.
Kommentar von cimddwc — 16. Juni 2009 @ 11:21
Super Artikel! Und ich gebe dir vollkommen recht, dass es in mancherlei Hinsicht doch etwas übertrieben wird, wobei ich mich auch immer wieder dabei erwische, wie ich solche Ausdrücke verwende.
Ich sollte mal deine Forschungen aufnehmen und untersuchen, wie viel Latein sich in den Wörtern des Szenesprachenwikis verbirgt. Wär doch auch mal interessant.
Kommentar von konna — 16. Juni 2009 @ 21:25
@cimddwc: Ja, genau diese Begriffe habe ich auch zu meinen „Ausnahmen“ genommen – hier geht es wohl wirklich nicht anders. Und auch ich verwende sie laufend!
@Konna: Ja, ich tue es auch laufend. Vor allem erwische ich mich beim Kommentieren auf Facebook immer wieder dabei. Irgendwie scheinen auf solchen Plattformen tatsächlich andere linguistische Regeln zu gelten.
Zu den lateinischen Ausdrücken – ich hoffe, da gibts dann einen Blogeintrag von dir, wenn du fündig geworden bist! Wäre wirklich interessant..
Kommentar von lexxa — 16. Juni 2009 @ 23:01
Folgende Kontaminationen habe ich ins Herz geschlossen: Kompromissgeburt und Pubertätlichkeiten.
Nebenbei: Sehr schönes Blog!
Kommentar von Geheimrat — 26. Juni 2009 @ 18:17
Kompromissgeburt und Pubertätlichkeiten? Herrlich. Auch in dem Wiki gefunden? Dankeschön für die lieben Worte.
Ich surfe auf alle Fälle auch bei Ihnen vorbei, Herr Geheimrat!
Kommentar von lexxa — 29. Juni 2009 @ 14:59
Nein, nicht im Wiki. In einem Duden-Newsletter
Ein gelungenes Spiel mit Worten ist durch fast nichts zu ersetzen, finde ich.
Du spielst auch sehr schön …
Kommentar von Geheimrat — 29. Juni 2009 @ 21:40
Dankeschön! „Spielen“ sollte man nie verlernen..
Kommentar von lexxa — 30. Juni 2009 @ 20:51
Es ist schön, wenn Mann verstanden wird
Kommentar von Geheimrat — 30. Juni 2009 @ 21:13